Gutenberg Open


Eingang zum Volltext

Urheberrechtshinweis / Copyright notice

Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:hebis:77-39729


Lochmann, Natalie

"Unser Volk ist vereint, unser Land unabhängig" - zum Umgang mit nationalen Identitätsmodellen im postsowjetischen Kasachstan

pdf-Format:
Dokument 1.pdf (3.264 KB)


Kurzfassung in

Für alle fünf zentralasiatischen Teilrepubliken kam der Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 relativ plötzlich und eher unerwartet. Der Prozess der „Transformation“ beinhaltete für die neu entstandenen Staaten nun nicht nur die Umstellung politischer und wirtschaftlicher Systeme, sondern ebenso die Organisation von Erinnerung und die Konstruktion von Identität, bei der die staatliche Nationalisierungspolitik oft Paradebeispiele von invented traditions her-vorbrachte. rnIn Kasachstan, dem Land, das während der Sowjetzeit am stärksten russifiziert wurde und heute offiziell 120 Minderheiten zählt, stellt sich dabei die Frage, wie nationale Identitätsmus-ter konstruiert werden und wie Politik. Medien und Bevölkerung damit umgehen. Zwanzig Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung des Landes und einer Phase, in der die Regierung mit einer Vielzahl von Maßnahmen versucht, den Identitätsfindungsprozess zu steuern, wurde im Rahmen dieser Arbeit erstmals eine empirische Studie zu der Frage durchgeführt, welche Bedeutungen bestimmte Identitätskonzepte für die lokale Bevölkerung haben. Während meh-rerer Forschungsaufenthalte von insgesamt vier Monaten in den Jahren 2010 und 2011 wurden in Hinblick auf die Fragestellung leitfadenorientierte Interviews und informelle Gespräche mit Teilen der kasachstanischen Bevölkerung geführt, teilnehmende Beobachtung, zwei Fragebo-genaktionen und eine Zeitungsanalyse durchgeführt sowie wissenschaftliche Studien und poli-tische Dokumente analysiert.rnDie Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass die Mehrheit der Befragten sich mehr oder weniger stark entweder über die Staatsbürgerschaft oder die ethnische Zugehörigkeit zur Titularnation mit dem Staat identifiziert. Auffällig ist die Bedeutung regionaler Identitäten für die Befrag-ten, die weder in der nationalen Identitätspolitik noch in der wissenschaftlichen Literatur von Wichtigkeit sind. Ethnische und religiöse Nivellierungen scheinen im Alltagsleben belanglos zu sein, aber in bestimmten anderen Kontexten eine entscheidende Rolle zu spielen. Starke Unterschiede in der Bedeutung verschiedener Identitätsmodelle lassen sich zwischen Stadt- und Landbevölkerung beziehungsweise zwischen sowjetisierten und nach der Wende repatri-ierten Kasachen ausmachen.rnEs ist anzunehmen, dass die Regierung der entscheidende Agent in der Identitätsfindung des Landes ist. Unter den Befragten zeigte sich, dass Identitätspolitik auf der pragmatischen Ebe-ne, beispielsweise in der Anerkennung von Russisch und Kasachisch als Staatssprachen, er-folgreicher ist als auf der emotionalen. rn

Kurzfassung in

Having been a part of the Soviet Union for 70 years, the central Asian states reached independence in 1991 quite unexpected. At that time, the country did not possess a homogenous population and the Kazakhstani national movement was quite weak. Everyday life was characterized by tensions and arguments between social and ethnic groups. Fears of menacing ethnic conflicts and a crisis scenario as predicted by Huntington- famous “Clash of Civilization” (Huntington 1998) forced the republics leadership to come up with a strategy helping to construct a feeling of national unity within the young state and among the many different ethnic groups living in Kazakhstan. The strategy, intended by the government, contained the restructuring of memory and the construction of a new identity focusing on the disassociation from soviet time. These processes often created prime examples of “invented traditions” within governmental nationality policy.rnThis work is looking at the question, how national identity patterns are designed, and how media and population handle them. In the past twenty years of independence, the government tried with a lot of measures to manage the identity-finding process. For the first time, this work conducts an empirical study asking, what meaning special identity concepts bear for the local population. During several fieldwork trips of altogether four months in the years 2010 and 2011 guideline-oriented interviews and informal talks were led with parts of the kazakhstani population. Furthermore participatory observation was made, two questionnaire surveys conducted, newspapers, scientific studies and political documents analyzed.rnThe results show, that the majority of the respondents identify themselves more or less strong through citizenship or ethnical belonging to the titular nation with the state. Especially the importance of regional identity is striking. Regional identity is barely a topic in national identity policy and hardly ever mentioned in scientific literature. In contrast, ethnic and religious levelling seem to be quite irrelevant in the respondents everyday life, but gain relevance in certain contexts. Looking at the importance of identity patterns, big differences are also obvious between urban and rural population respectively between sovieticized and repatriated kazakhs.rnIt might be assumed, that the government is the crucial actor in the identitiy finding process of the country. The results show, that among the respondents, identity politics seems to be much more successful on a pragmatic level than on an emotional, for example in the acceptance of Kazakh and Russian as state languages.rn

Institut: Institut für Film-, Theater- und empirische Kulturwissenschaft
DDC-Sachgruppe: Sozialwissenschaften, Soziologie
DFG-Fachkolegium:
Ort: Mainz
Verlag: Univ.
Dokumentart: Buch
Quelle: Mainz : Univ.
Sprache: Deutsch
Erstellungsjahr: 2014
Publikationsdatum: 28.01.2015

Impressum